Vor einem Jahr wurde das Deutsche PIPAC-Zentrum gegründet. Es zertifiziert Kliniken, die die PIPAC-Therapie nach einheitlichen Qualitätsstandards anbieten. Eines dieser zertifizierten Zentren, zugleich unser Hauptstandort, ist das Zentrum an der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Tumorchirurgie des Evangelischen Krankenhauses (EvK) Herne. Zwölf Monate später blicken wir auf ein Jahr zurück, in dem aus einer Idee ein fester Anlaufpunkt für Patientinnen und Patienten aus dem In- und Ausland und ein Ausbildungsort für Chirurginnen und Chirurgen aus aller Welt geworden ist.
Warum es das Zentrum gibt
Auslöser für die Gründung war der zunehmende Bedarf an qualifizierter Beratung bei Peritonealkarzinose. Patientinnen und Patienten mit Bauchfellkrebs hören häufig, dass „nichts mehr zu machen“ sei. Dabei gibt es mit der PIPAC eine gut verträgliche Behandlungsoption, über die längst nicht überall aufgeklärt wird.
Den Ausschlag gab die Erfahrung von Prof. Dr. med. Jürgen Zieren: über 20 Jahre in der operativen Behandlung der Peritonealkarzinose, Pionier der PIPAC-Therapie und mit mehr als 2.500 persönlich durchgeführten PIPAC-Prozeduren einer der erfahrensten Anwender weltweit. Gemeinsam mit Prof. Dr. Urs Pabst-Giger entstand daraus das Angebot, Interessierte in allen Aspekten der Erkrankung zu beraten und an ein qualifiziertes Behandlungszentrum zu vermitteln.
Damit eine solche Behandlung überall auf gleichem Niveau abläuft, ist das Deutsche PIPAC-Zentrum als Dachorganisation angelegt: Es gibt die Qualitätsstandards vor, zertifiziert Kliniken als PIPAC-Zentren und begleitet sie fachlich. Erstes und zugleich größtes dieser zertifizierten Zentren ist das am EvK Herne, an der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Tumorchirurgie unter Leitung von Prof. Dr. Chris Braumann, einem Standort des Evangelischen Verbunds Augusta Ruhr (EVA Ruhr). Das EvK war dafür der naheliegende Ort: Die chirurgische Klinik ist seit vielen Jahren ein spezialisiertes Zentrum für die operative Krebsbehandlung, und hier wurde das Verfahren zur sogenannten PIPAC 2.0 Hochdosis-/Hochdruck-Therapie weiterentwickelt.
Zur Erinnerung: PIPAC (Pressurized Intra Peritoneal Aerosol Chemotherapy) ist ein minimalinvasives Verfahren gegen Bauchfellkrebs. Über eine Düse wird Chemotherapie unter Druck als Aerosol direkt in die Bauchhöhle versprüht. Die Therapie ist gut verträglich, verbessert die Lebensqualität, kann die Lebenszeit verlängern und lässt sich parallel zu einer systemischen Chemotherapie durchführen. Mehr dazu auf unserer Seite Wissenschaft & Forschung.
September 2025: PIPAC 2.0 in der Anwendung
Ende September 2025 wurden am EvK Herne die ersten Patientinnen und Patienten mit der neuartigen Hochdosis-/Hochdruck-PIPAC behandelt. Die höhere Wirkstoffdosis ist dabei nur ein Teil des Konzepts: Ebenso wichtig ist ein eigens entwickeltes perioperatives Infusions- und Medikamenten-Therapieregime, das bereits am Aufnahmetag beginnt und über den gesamten stationären Aufenthalt fortgeführt wird.
Der Grund dafür ist einfach: Eine höhere Dosis darf nicht zulasten der Verträglichkeit gehen. Das Begleitregime sorgt dafür, dass der Patientenkomfort maximal und die Sicherheit während der Behandlung so hoch wie möglich bleibt. Der stationäre Aufenthalt dauert drei Tage, an deren Ende in der Regel eine Entlassung ohne größere Einschränkungen steht.
Seitdem wurde am Deutschen PIPAC-Zentrum eine hohe Zahl an PIPAC-2.0-Therapien durchgeführt und begleitend ausgewertet. Unsere laufenden Analysen zeigen einen deutlichen Behandlungsvorteil und eine hohe Zufriedenheit der behandelten Patientinnen und Patienten. Behandelt wurden im ersten Jahr Menschen aus Deutschland, aus dem europäischen Ausland und darüber hinaus; hinzu kommen zahlreiche Beratungen, die nicht in einer Behandlung bei uns mündeten, sondern in einer Empfehlung an ein wohnortnahes Zentrum.
Sichtbar werden: Internetseite und Social Media
Parallel zur klinischen Arbeit haben wir im ersten Jahr eine digitale Präsenz aufgebaut: diese Internetseite sowie unsere Kanäle auf Facebook, LinkedIn und Instagram. Auf diesem Weg machen wir nicht nur die Therapie selbst, sondern auch unsere Behandlungszahlen und Erfahrungen transparent und für internationale Kolleginnen und Kollegen auffindbar. Für Patientinnen und Patienten ist die Seite zugleich der schnellste Weg zu einer Ersteinschätzung: Über das Kontaktformular erreichen uns Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet und aus dem Ausland, bis hin zu Anfragen aus Australien.
März 2026: REGER PIPAC-Workshop mit 50 Teilnehmern
Den Höhepunkt des ersten Jahres bildete der internationale REGER PIPAC-Workshop, den wir im Oktober 2025 gemeinsam mit der REGER Medizintechnik angekündigt haben, unserem langjährigen Partner für die technische Ausstattung. Stattgefunden hat er dann am 26. und 27. März 2026 am EvK Herne, mit knapp 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Deutschland, Rumänien, der Türkei und Griechenland.
Das Programm verband Theorie und Praxis: aktuelle Studienergebnisse, klinische Expertenerfahrung aus erster Hand und ein ausführlicher praktischer Teil zur Handhabung der Injektordüsen und Injektomaten, zunächst an Dummys, anschließend im OP. Alle Teilnehmenden nahmen an den Live-Operationen teil. Den Abschluss bildete eine Prüfung, nach deren Bestehen ein PIPAC-Anwender-Zertifikat vergeben wurde.
In der anonymisierten Bewertung erhielt die Veranstaltung 4,83 von 5 Punkten. Eine Folgeveranstaltung im gleichen Format ist für März 2027 geplant, Anfragen aus dem Ausland liegen bereits vor. Derzeit laufen zudem Gespräche, Workshops dieser Art künftig auch im Ausland auszurichten.
Dass ein solcher Workshop mehr ist als eine Fortbildung, zeigte sich wenige Monate später: Im Juni 2026 wurde an der Atlas Klinik in Istanbul die erste PIPAC-Therapie in der Türkei durchgeführt, kurz darauf die erste PIPAC am Spitalul Gerota in Bukarest. Beide Teams waren zuvor in Herne geschult worden.
Ein wachsendes Netzwerk
Genau dafür ist das Netzwerk gedacht: Neben dem Hauptstandort am EvK Herne sind im ersten Jahr weitere Kliniken hinzugekommen, im Ruhrgebiet ebenso wie im Ausland, darunter die Atlas Klinik in Istanbul und das Spitalul Gerota in Bukarest. Aus den Kontakten des Workshops sind zudem feste Kooperationen mit Universitätskliniken in Istanbul und Athen entstanden, um die PIPAC-2.0-Therapie dort zu etablieren.
Verbindlich wird die Zusammenarbeit durch die Zertifizierung: Wer als PIPAC-Zentrum im Netzwerk arbeitet, verpflichtet sich auf einheitliche Qualitätsstandards. Dazu gehören Schulung und Verfahrensbegleitung durch unser Team, ein geschützter fachlicher Austausch über Behandlungsfälle sowie der gemeinsame Blick auf die Behandlungsergebnisse. Für Patientinnen und Patienten bedeutet das: Die PIPAC läuft an jedem zertifizierten Zentrum nach denselben Maßstäben ab.
Wissenschaft und fachlicher Austausch
Eigene Forschung gehört von Beginn an dazu. Unter Beteiligung von Prof. Dr. Urs Pabst-Giger, dem wissenschaftlichen Leiter des Zentrums, sind im vergangenen Jahr zwei Arbeiten im Fachjournal Annals of Surgical Oncology erschienen. Beide beschäftigen sich mit einem Bauteil, das über den Erfolg einer PIPAC mitentscheidet: der Düse, über die das Chemotherapie-Aerosol versprüht wird.
Die erste Arbeit (2025) verglich verschiedene Düsenkonstruktionen im Tiermodell und untersuchte, wie gut der Wirkstoff Oxaliplatin damit im Bauchraum ankommt. Die zweite (2026) prüfte die Düsendesigns unter Laborbedingungen und maß, wie gleichmäßig sich das Aerosol verteilt, wie tief es ins Gewebe eindringt und welche Wirkstoffkonzentration dort erreicht wird. Genau diese Punkte entscheiden darüber, ob wirklich der gesamte Bauchraum behandelt wird, und sie sind eine der Grundlagen der Weiterentwicklung zur PIPAC 2.0. Alle Publikationen mit Beteiligung des Zentrums finden Sie auf unserer Seite Wissenschaft & Forschung.
Auch über die eigenen Veranstaltungen hinaus war das Team präsent. Im April 2026 nahm das Zentrum am Deutschen Chirurgen Kongress der DGAV in Leipzig teil und tauschte sich dort zu Peritonealkarzinose, prophylaktischer PIPAC und Lebensqualität aus. Für den weiteren Jahresverlauf ist die Teilnahme am Kongress Viszeralmedizin in Hamburg geplant.
Über das Jahr verteilt haben wir zudem die wichtigsten neuen Studien laienverständlich eingeordnet: die Auswertung zu mehr guten Lebenstagen unter PIPAC (Januar 2026), die randomisierte Studie zum platinresistenten Eierstockkrebs-Rückfall (Mai 2026) und zuletzt die PIPAC-OVA-Studie zur adjuvanten PIPAC bei fortgeschrittenem Eierstockkrebs (Juli 2026).
Danke und Ausblick
Unser Dank gilt den Patientinnen und Patienten und ihren Angehörigen, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben, den Pflegeteams und Mitarbeitenden am EvK Herne sowie den zuweisenden Ärztinnen und Ärzten und unseren nationalen und internationalen Partnern.
Für das zweite Jahr haben wir uns vorgenommen, die Ausbildung weiterer PIPAC-Anwender fortzusetzen, konkret mit dem Folge-Workshop im März 2027, unsere begleitende Auswertung der PIPAC-2.0-Behandlungen auszubauen und das Netzwerk um weitere zertifizierte Zentren zu erweitern, in Deutschland ebenso wie in der Türkei, in Griechenland, in Rumänien und darüber hinaus. Das Ziel bleibt dasselbe wie am ersten Tag: Menschen mit Bauchfellkrebs eine gut verträgliche Behandlung anzubieten, die Lebensqualität und Lebenszeit erhält.
Wenn Sie Fragen zur PIPAC-Therapie haben oder wissen möchten, ob eine Behandlung für Sie oder einen Angehörigen infrage kommt, sprechen Sie uns gerne an. Häufige Fragen zum Ablauf beantworten wir außerdem in unseren FAQ.